Das Neue Museum in Berlin gewinnt den Mies-van-der-Rohe-Preis 2011

Seit seiner Wiedereröffnung am 15. Oktober 2009 haben bereits weit mehr als 1,2 Millionen Menschen das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel besucht. Neben dem Ägyptischen Museum mit der berühmten Nofretete-Büste und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte gibt es aber einen "ausgezeichneten" weiteren Grund das Neue Museum aufzusuchen.

Am 20. Juni 2011 wird während eines Festaktes in Barcelona dem Architektenteam um Sir David Chipperfield der Mies-van-der-Rohe-Preis 2011 für die Wiederherstellung des Neuen Museums verliehen. Dieser Preis der Europäischen Union wird alle zwei Jahre ausgelobt um herausragende Arbeiten zu prämieren und aufstrebende Talente in der Architektur zu fördern. Durchgesetzt hat sich die Arbeit gegen 343 Projekte aus 33 europäischen Ländern. Die Jury lobt vor allem die "außerordentliche Leistung" des britischen Architekten neue und bestehende Elemente miteinander zu vereinen.

Bereits am 25. Mai 2011 wurde der Architekturpreis Beton 2011 ausgelobt. Auch hier gehört das Neue Museum Berlin zu den Preisträgern. Mit dem Architekturpreis Beton werden in diesem Jahr zum 18. Mal beispielhafte Leistungen der Architektur und Ingenieurbaukunst prämiert. Teilnehmen dürfen alle Objekte, die in den letzten Jahren in der Bundesrepublik Deutschland realisiert wurden und bei denen der Baustoff Beton eine prägende Rolle spielt.

Nähere Informationen zum Architekturpreis Beton finden sie hier. Die Jurybegründungen für die einzelnen Preisträger können Sie hier nachlesen.

Über 8.000 Fertigteile aus weißem Marmorbeton prägen den Museumsneubau an der Spree.

Seit Oktober 2009 thront sie wieder unter der Nordkuppel des Neuen Museums: Nofretete, die Schönste der Schönen. Genau an dem Ort, von dem sie 1939 fliehen musste, bevor die Bomben ihr Haus zerstörten, hat ihr der britische Architekt David Chipperfield mit einem der spektakulärsten Museumsneubauten unserer Zeit einen neuen Palast geschaffen. In vielen Bereichen - von der neuen, monumentalen Treppenanlage bis hin zu den kleinsten Ausstellungssockeln - wird das neue Domizil durch hochwertigen Architekturbeton mit einer faszinierenden Oberflächenoptik geprägt.

Sechzig Jahre lang rottete das 1859 von dem Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler erbaute und im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstörte Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel vor sich hin. Jetzt präsentiert es sich als grandiose Einheit aus Alt und Neu - mit all den Narben der Vergangenheit, die David Chipperfield bewusst nicht verwischen wollte. „Alles erhalten, was alt ist. Alles restaurieren, was noch vorhanden ist. Und: Neues deutlich sichtbar machen“ - so die Devise des Briten.

Moderner Beton als prägendes Gestaltungselement

Die Aufgabe, Zerstörtes unter Einbeziehung der alten Bausubstanz behutsam zu ergänzen und in eine zeitgemäße Architektursprache umzusetzen, machte es notwendig, überall dort, wo keine Bausubstanz mehr vorhanden war, fehlende Bauteile in einer ebenso zeitgemäßen Material- und Formensprache neu zu gestalten. Ein wesentlicher Teil des Restaurierungskonzepts bestand dabei im großflächigen Einsatz von Fertigteilen aus Architekturbeton. Absolute Scharfkantigkeit, größtmögliche Einheitlichkeit in der Oberfläche, Rauigkeit und Struktur, Passgenauigkeit der neuen Betonteile im Millimeterbereich zueinander wie auch an den Altbestand - dies waren die klaren Forderungen, die an die insgesamt 8.200 Architekturbeton-Fertigteile, die meisten davon Unikate und bis zu 21 Tonnen schwer, gestellt wurden.

Dieser Anspruch wurde vor allem mit Hilfe des Einsatzes von Architekturbeton in Form eines sog. Marmorbetons optimal gelöst. Marmorbeton deshalb, weil die Basis für diesen Beton ein unter Tage abgebauter Beton aus dem Erzgebirge bildete. Zu den Marmorzuschlägen – in einem Kubikmeter Beton sind 1.300 kg Marmorzuschlag in der Größe zwischen 2 und 35 mm Durchmesser enthalten - kamen Dyckerhoff Weisszement, Sand, Wasser und Fließmittel. In umfangreichen Versuchsreihen wurde dabei eine Mischung für einen sehr steifen Beton entwickelt. Die hohe Steifigkeit wurde benötigt, um die gewünschte Gleichmäßigkeit der Betonoberflächen zu erzielen.

Betonfertigteile in höchster Qualität und Präzision

Mit den neuen Designbetonteilen und deren hoher Oberflächengüte und Präzision bekamen die Räume ihre grundsätzliche Form wieder, erhielten aber gleichzeitig eine ganz eigene Materialität. Einen Glanzpunkt stellt das dabei neue Haupttreppenhaus dar, deren Treppenanlage komplett aus weißen Marmorbeton-Fertigteilen besteht. Ihre Wände sind dabei aus wenigen großen Quaderblöcken zusammengefügt. Diese Fertigteilwände bilden zugleich die Brüstungen. Ihre Stöße sind so exakt ausgebildet, dass die Konstruktion monolithisch wirkt. Auf der Treppenlaufseite wurde ein trapezförmiges Handlaufelement angefügt, das mit Hilfe eines Diamantformfräsers aus großen Werksteinblöcken hervorgegangen ist und mit seiner blankgeschliffenen Oberfläche direkt zum Anfassen verleitet. Die geschliffenen, aber auch haptisch rau sandgestrahlten Oberflächen unterstreichen den kühl-eleganten und zugleich monumentalen Charakter der Treppenanlage.

Auch die Innengestaltung der Räume der beiden Gebäudeflügel wurde mit modernen Architekturbeton-Fertigteilen ausgeführt. Großformatige Wand- und Deckentafeln aus Betonwerkstein bilden hier die Bekleidung. Weitere Höhepunkte für die Anwendung des Architekturbetons stellen der Ägyptische und der Griechische Hof dar. Der Ägyptische Hof erhielt neue Ausstellungsräume, die sich über drei Geschosse erstrecken, wobei dieses Räume und das abschließende Glasdach von einen System aus Betonsäulen getragen werden.

Mit der gleichen Rezeptur wie die Wand- und Deckenfertigteile wurden auch die 3.700 m² geschliffenen Betonwerksteinplatten für die Fußböden der neuen Ausstellungsräume gefertigt. Pro Raum gibt es dabei bis zu 50 verschiedenen Plattengrößen. Bei einer Plattenstärke von 6 cm musste die Herstellung der teilweise sehr großen Plattenformate (maximal 2 m²) bewehrt ausgeführt werden. Durch die Vorgabe einer 3 mm-Fuge war auch hier höchste Genauigkeit beim Schalen der Platten gefragt. Im Griechischen Hof wurde neben den Bodenplatten eine umlaufende Vorsatzschale aus sandgestrahlten Wandfertigteilen angebracht.

Auch im Bereich der Toiletten kamen Architekturfertigbetonteile zum Einsatz. Alle Fertigteile im Sanitärbereich wurden mit einer 1 mm dünnen Klebefuge hergestellt. Somit betrug die Toleranz bezüglich Fertigung und Montage der Fertigteile nahezu 0 mm. Eine handwerkliche Besonderheit ist auch das im Marmorbeton gegossenen und von Hand ausgeformte Waschbecken. Insgesamt wurden in den beiden Toilettenbereichen 312 verschiedene kleinformatige Fertigteilelemente zusammengefügt.

Zeitgemäße und authentische Materialsprache

Den krönenden Abschluss der Arbeiten mit Architekturbetonfertigteilen bildete die Herstellung der Ausstellungssockel aus der gleichen grobkörnigen Rezeptur. Diese Sockel sind in ihren Größen und Geometrien höchst variantenreich und reichen von kleinen 1 kg-Würfeln bis zu großen schweren Quadern sowie von leichten Flachsockeln bis zu dünnwandigen, offenen Betontrögen mit 5 m Kantenlänge und 3.500 kg Einzelgewicht. Um zwischen der geschliffenen Oberfläche der Bodenplatten und der zum größten Teil gestrahlten Oberfläche der Wand- und Deckenfertigteile zu vermitteln, wurden alle Sockel zuerst geschliffen und anschließend gestrahlt.

Der enorme Aufwand, der in die Entwicklung, Herstellung und Verarbeitung der Betonfertigteile investiert wurde, hat sich gelohnt: Die behutsame und zugleich mutige Ergänzung von Zerstörtem mit modernen Materialen in zeitgemäßer Architektursprache und gepaart mit außergewöhnlich hohem handwerklichen Können verleiht dem Neuen Museum seinen authentischen Glanz. Alt und Neu können sich so - wie von David Chipperfield geplant – gegenseitig zur Geltung bringen.

Bautafel

Objekt: Neues Museum, Berlin
Bauherr: Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Architekt: David Chipperfield Architects Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin
Betonfertigteile: Dreßler Bau GmbH, Aschaffenburg
Weißzement: Dyckerhoff Weiss


Dokumente

Objektbericht DW Neues Museum Berlin

Links

Der Mies-van-der-Rohe-Preis 2011 für zeitgenössische Architektur geht an das Neue Museum in Berlin.